Das Bewusstsein, dass die historische Viersprachigkeit wesentlich zur kulturellen und nationalen Identität der Schweiz gehört, ist im offiziellen politischen Diskurs allgegenwärtig. Wie in anderen Ländern hat indes die wachsende Mobilität der Bevölkerung zu einer progressiven Destabilisierung der Sprachsituation geführt. Die homogenen Sprachgebiete, die vom Territorialprinzip geschützt werden sollten, existieren nicht mehr. Eine aus der Migration entstandene Mehrsprachigkeit hat die historische Viersprachigkeit überlagert.

Diese neue demographische Situation ruft nach einer Erneuerung der Sprachpolitik. Vorsichtig hat man begonnen, die traditionelle Assimilationspolitik gegenüber Migranten durch eine Integrationspolitik zu ersetzen, welche ihnen helfen soll, gleichzeitig die Aufnahmesprache zu erlernen und die Herkunftssprache zu bewahren. Es geht darum, ein Gleichgewicht zu suchen zwischen der Weiterführung von sprachlichen und kulturellen Gebräuchen aus der Herkunftsregion und der aktiven Mitwirkung an kulturellen Praktiken der Aufnahmeregion in der Aufnahmesprache. All dies in sprachlich gemischten sozialen Netzen und unter Rücksichtnahme auf die besondere Sensibilität der verschiedenen Sprachregionen, die in der offiziellen Einsprachigkeit eine Garantie für das zukünftige Überleben ihrer Sprache sehen.

Aber ist die Bedrohung tatsächlich vorhanden? Die Analyse der Daten der Eidgenössischen Volkszählung 1990 erlaubt den Schluss, dass:

  • mit Ausnahme des Rätoromanischen, die Landessprachen in ihren Sprachgebieten in keiner Weise bedroht sind; namentlich geht vom Deutschen keine Bedrohung für das Französische und Italienische aus, da die Binnenwanderung durch Immigration von aussen abgelöst wurde;
  • sich in allen Sprachregionen verschiedene Formen von Mehrsprachigkeit entwickelt haben, welche zu einer nie dagewesenen Heterogenität der Sprachgebiete geführt hat, jedoch ohne dass sich "Sprachinseln" gebildet hätten;
  • der Prozentsatz von Anderssprachigen im französischen und italienischen Sprachgebiet deutlich höher liegt als im deutschen, umgekehrt jedoch die Anderssprachigen ihre Herkunftssprache in der Deutschschweiz besser bewahren und die Aufnahmesprache weniger gebrauchen als in den lateinischen Sprachgebieten.

Trotz tief verankerter Stereotypen, welche eine « einsprachige Vision » von einem mehrsprachigen Land begünstigen, war die individuelle Kompetenz in anderen Landessprachen in der Vergangenheit nicht nur als Faktor der nationalen Zusammengehörigkeit, sondern auch als Wirtschaftsfaktor von grosser Bedeutung. Nicht zuletzt deshalb wird ab der Primarschule obligatorisch eine zweite Landessprache unterrichtet.

Heute gilt es zu erkennen, dass die individuelle Mehrsprachigkeit auch und gerade über die Landessprachen hinweg ein bedeutendes symbolisches Kapital darstellt. Und darunter figurieren nicht nur das allgegenwärtige Englisch, sondern auch die Sprachen der exterritorialen, diffusen und oft nicht anerkannten « neuen Minderheiten ».

Natürlich gibt es auf den Sprachmärkten grosse Unterschiede im Wert der Einzelsprachen, aber auch zwischen den Sprachregionen und zwischen einzelnen Berufsgattungen. Eine präzise Analyse dieser Unterschiede — aber auch der Bedürfnisse aller beteiligten Akteure, die Mitglieder der neuen Minderheiten eingeschlossen — wird erst die Basis für eine bessere Verwendung der enormen ökonomischen und menschlichen Ressourcen bilden, die heute in den Unterricht und den Erwerb von modernen Fremdsprachen investiert werden.